Seit heute ist Lexvisors online – ein Startup Unternehmen, das frisch aus dem Microsoft Ventures Inkubator geschlüpft ist. Lexvisors bietet drei Services an: der Vergleich verschiedener anwaltlicher Angebote, die Möglichkeit einen Anwalt direkt zu befragen und eine Dokumentenerstellung. Damit reiht sich das Projekt ziemlich genau in die Mitte des Dreiecks aus den Frage- und Akquiseportalen wie 123recht (frag-einen-Anwalt.de), dem Duo Smartlaw/Janolaw sowie Vergleichsportalen wie Jurexpert oder Jurato.

Obwohl die Akquiseportale für anwaltliche Dienstleistungen im Markt kaum durch besondere Neuerungen auffallen, sind sie für sich betrachtet durchaus bemerkenswert: Sie zeugen von den umfangreichen und oft vergeblichen Bemühungen, aus der dienstleistungstypischen Rechtsberatung Commodities herauszulösen. Was für andere Branchen längst in weiten Teilen gelingt, braucht im juristischen Bereich Zeit und einigen technologischen und rechtsinformatischen Aufwand. Juristische Prüfungen sind wie medizinische Diagnosen Einzelfallbetrachtungen. Während sich aber im Idealfall die medizinische Datenerfassung formalisieren lässt, bleibt juristischer In- und Output semantisch komplex. Die Entwicklung juristischer Entscheidungsunterstützungssysteme und/oder richtiger Expertensysteme bleibt nach wie vor auf einzelne, abgetrennte Bereiche beschränkt und aufwändig. Wer also juristische Arbeit neuen Medien und insbesondere neuen Absatzkanälen zuführen will, muss weit unten anfangen. Ein bekanntes Schema von Prof. Susskind zeigt die Kommodisierung der juristischen Dienstleistung in einem übersichtlichen, fünfstufigen Prozess:

Susskind

War die ursprüngliche, anwaltliche Arbeit eine individuelle, „maßgeschneiderte“ und deshalb kaum skalierbare Tätigkeit, erfolgt sie teilweise standardisiert (z.B. in Form von fertigen Templates für Schriftsätze oder Textbausteinen) und zunehmend systematisiert (etwa spezialisiert auf konkrete Fälle wie Anlegerklagen zur Kick-Back-Rechtsprechung oder Massenabmahnungen) oder gar als Paket. Letzeres ist bereits selten anzutreffen, könnte aber der Pauschalberatung bei der Gesellschaftsgründung entsprechen. Die magische Grenze, also die Schwelle zur Commodity, erreicht traditionelle anwaltliche Arbeit bisher nicht. Es sind auch nur sehr wenige Startups, die auch jenseits dieser Grenze Dienstleistungen anbieten. In Deutschland schaffen es lediglich Smartlaw und Janolaw (und ein oder zwei Nachahmer mit zweifelhafter Qualität) mit standardisierten und individuell erstellbaren Dokumententemplates, einen Teil des juristischen Dienstleistungsspektrums produktfähig zu machen. Nach dem Beispiel der US-Startups LegalZoom und Rocketlawyer können Verbraucher Verträge weitgehend selbst erstellen und Mittelständler die Plattformen als verlängerte Template-Datenbank nutzen.

Leider beschäftigt sich der Großteil der in den letzten Jahren vorgestellten juristischen Startup-Unternehmen nicht mit einer Weiterentwicklung rechts der Grenze, sondern mit reiner Vermittlungsleistung weit unterhalt dieser Innovationshöhe. Das heißt in diesen Fällen die reine Vermittlung der Dienste, nicht aber die Erbringung der Dienste selbst. 123Recht gelingt eine überraschend tragfähige Hybridlösung, in der das initiale Mandantengespräch, die Erstberatung, quasi in Chat- oder Nachrichtenfunktion digital erfolgt. Dadurch lässt sich nicht nur die Dienstleistung selbst schneller und (teilweise) häufiger, zeitlich und örtlich ungebunden erbringen. Zudem aggregiert die Plattform eine beträchtliche Wissenssammlung und sichert sich nachhaltig Seitentraffic und Suchmaschinenauffindbarkeit.

Imitationen dieses Konzepts gibt es zuhauf (ich habe 31 gezählt), vergleichbare Erfolge kaum. Trotzdem schreiben sich jährlich meist mehrere juristische Startup-Unternehmen die Revolution genau dieses Aspekts der Anwaltstätigkeit auf die Fahnen. Wurden 2012 Versuche von Jurexpert bekannt, trat 2013 Jurato an, gefolgt von advocado und Lexvisors 2014. Wer die Verteilerstellung zwischen den kostenbewussten, rechtssuchenden Verbraucher und den Kanzleien kontrolliert, scheint Herr über den Rechtsberatungsmarkt in Deutschland. Dieser dürfte 2014 erstmals die 20 Mrd. EUR übersteigen, allerdings mehr zur Freude der internationalen Wirtschaftskanzleien als der Einzelanwälte. Das verkennen viele Jungunternehmer im juristischen Branchenneuland. Rechtsberatung erfolgt kostenbewusst, Rechtsrat wird zunehmend kostenfrei, die Spezialisierung einzelner Kanzleien nimmt zu. Dieser Druck entlädt sich in erster Linie auf Ebene des anwaltlichen Pricings, führt aber zwangsläufig zu bescheidenen Aussichten für Mittelmänner, die eine Marge aus dem ohnehin sparsamen Anwalt-Mandanten-Verhältnis ziehen wollen. Auch wird die Innovationskraft der Kanzleien selbst unterschätzt, die sich zunehmend Kanäle zu Mandanten in den neuen Medien aufbauen. Großkanzleien haben längst bemerkenswerte Präsenzen in den sozialen Medien (in der Regel zwar eher für das Recruiting). Aber auch kleine und mittelständische Kanzleien haben mit Apps, Youtube-Channels, Blogs, Podcasts und nicht zuletzt enormem und gekonntem SEM-Aufwand das Netz als Akquiseplattform erschlossen. Die Online-Präsenz des Deutschen Anwaltvereins ist für viele Anlaufstelle Nummer eins und viele Verbände und Einrichtungen übernehmen gekonnte juristische Zuweisungsfunktion.

Wir haben also auf eine weitere Vermittlungsplattform nicht gerade gewartet, Lexvisors reiht sich in diese Sammlung ein. Natürlich bietet sie einen Zusatzservice an, der über die bloße Anwaltsvermittlung hinaus einen besseren Branchenüberblick und Kommunikationsmöglichkeiten eröffnet. Im Kern steht aber die unternehmerische Herausforderung einer Henne-Ei-Problematik: Anwälte und Verbraucher müssen Lexvisors in großen Zahlen ansteuern. Besonders innovativ ist das also nicht, aber zeigt, dass der Kampf um die Online-Akquise von Kanzleimandanten jedenfalls noch nicht geschlagen ist.

Außerdem scheinen juristische Startups – obwohl es nur eine Handvoll gibt – zur Zeit ganz beliebtes Investitionsobjekt zu sein: Denn neben dieser Microsoft Beteiligung an Lexvisors ist Jurato inzwischen finanziert (Ebner Verlagsgruppe), Holtzbrinck Ventures begleitet Smartlaw (inzwischen von Wolters Kluwer erworben).

 

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