Es ist also offiziell: Das Startup Kelsen arbeitet nicht mit selbstlernenden Algorithmen, hat keine NLP-Techniken und auch keine approximationstheoretische Logik. Die Mitteilung auf Deutsche Startups hat in der Gründerszene einige Entrüstung hervorgelöst und wird mache Produktbeschreibung verändern. Vor allem aber bringt das PR-Fiasko die Erkenntnis: Die Machbarkeit juristisch-technologischer Anwendungen ist außerhalb der Rechtsinformatik Szene noch immer eine Black Box.

Kurz zum Hintergrund: Der Gründer von Kelsen war im Sommer 2014 mit einem Startup namens Lexvisors bekannt geworden – ich hatte das Projekt kurz geschrieben. Die Idee ist nicht neu  oder technologisch innovativ, aber Lexvisors war eines von wenigen Startups, die als zweite Generation in den neugegründeten Microsoft-Accelerator unter den Linden ziehen durfte. Recht, IT und Microsoft: eigentlich die Zutaten für eine ganz verheißungsvolle Geschichte. Überraschend stellte das Team beim Demo Abend Ende letzten Jahres aber nicht Lexvisors, sondern etwas ganz neues vor: „Ask Kelsen“, eine Art Wolfram Alpha für juristische Fragen. Die eigenen Erklärungen des Teams zu dem Produkt waren für nicht-Juristen bestechend logisch, für Juristen schlichtweg spektakulär: „Kelsen ist ein lernender Algorithmus, der wertvolle Antworten auf rechtliche Fragen in Echtzeit bietet. Ratsuchende geben ihre Frage in natürlicher Sprache ein und erhalten sofort eine Antwort. Mithilfe von Big Data und Machine Learning Technologien lernt Kelsen von bereits vorhandenen Rechtsfällen und menschlicher Interaktion, um seine Ergebnisse im Laufe der Zeit zu verbessern. Klingt so, als gäb es eine große Datenbank, vernünftige Parser die mit juristischer Semantik umgehen können und einzelne deep learning Komponenten. Selbstverständlich taucht auch „Künstliche Intelligenz“ ein paar Mal in der Beschreibung auf. Einzeln sind solche Technologien in verschiedenen Anwendungen längst im Einsatz, nur selten kombiniert und noch nie im juristischen Umfeld. Startup- und Investorenkreise nehmen solche Innovationsverheißungen gerne auf und nennen sie „Killerstartups“, „bold“ oder „disruptiv“. Derart provoziert kam mit der Plattform Frag-einen-Anwalt ein etablierteres Unternehmen nicht umhin, die Aussagen zu überprüfen und ließ per einstweiliger Verfügung untersagen, die genannte Technologiebezeichnung zu verwenden. Vor dem Landgericht Berlin räumte das Team ein, dass das Konzept weder selbstlernender Algorithmus noch innovative Big Data und Machine Learning-Technologie sei, sondern nicht mehr als eine Kopie der Datenbank von Frag-einen-Anwalt. Zu den Suchalgorithmen wurde weiter nichts verlaut, aber wer eine einfache Zeichenkettenvergleichssuche vermutet, dürfte wahrscheinlich richtig liegen. Sieht man einmal davon ab, dass auch die zitierten IBM Bluemix Komponenten nicht im engeren Sinne deep/machine learning bieten, Big Data nichts mit der Datenbank von Frag-einen-Anwalt zu tun hat und auch SOLR oder ElasticSearch keine tatsächliche NLP-Tools sind, steht einem solchen Projekt die Komplexität der juristischen Semantik entgegen, der auch nicht mit der Übertragung von Techniken aus anderen Anwendungsfeldern beizukommen ist. Das hatte bereits der Rechtsinformatik Pionier Fritjof Haft in den 1960er Jahren festgestellt und seine Beobachtungen sind – wie sich zeigt – tagesaktuell.

Overselling ist bei Neugründungen eher Kavaliersdelikt, aber die dermaßen ungenierte Übertreibung von Technologie, Innovationshöhe und Marktreife war auch für die Berliner Szene zuviel. Trotz zügiger Bemühung um Relativierung und Erklärung durch den Gründer ist das Echo hämisch. Auch in unserem Team war die Meldung einige Diskussionen gut, alleine: überrascht war niemand. Der juristische Bereich ist von Technologien fast unerreicht, im Einsatz sind Datenbanken und einfache Automationen. Am Rand juristisch sind Spracherkennungssoftware für die Kanzlei, intelligente und selbstlernende Filtertechniken bei der Sichtung großer Dokumentenmassen (predictive coding) oder eine handvoll explizit für den juristischen Bereich entwickelte Suchfunktionen (z.B. Ravellaw). Vorsichtig geschätzt bieten weltweit weniger als zwanzig Anbieter die Automation juristischer Entscheidungsprozesse an, wie Neota Logic, oder unser Lexalgo Projekt. Funktionierende NLP-Systeme wären alleine schon ein kleiner Skandal, in positiver Hinsicht. Kurzum: NLP-Systeme und deep learning mit juristischen Daten käme dem heiligen Gral der Rechtsinformatik gleich, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern jurisdiktionsübergreifend weltweit. Die Legal Tech-Szene in Deutschland ist klein und zwar so klein, dass ein Projekt wie Ask-Kelsen längst bei weiteren Stakeholdern für früheres und lauteres Aufsehen gesorgt hätte, wenn das Team die angekündigten Innovationen tatsächlich umgesetzt hätte. Jeder, für den Legal Tech noch Rechtsinformatik bedeutet, konnte das Projekt nur bezweifeln.

Der wirkliche Schaden ist aber ein anderer: Schon wieder rückt die Legal Tech Szene in Richtung Hochstapelei und heiße Luft. Mehrfach werden wir auf den PR-GAU angesprochen und trotz aller Erklärung gilt leider: Semper aliquid haeret. Investoren mögen Innovation – Kunden mögen Sicherheit. Ein Kundengespräch mit einer Diskussion um Hokus-Pokus ist meistens kein sehr gutes. Abseits des Tagesgeschäfts nimmt der gesamte Bereich innovationsbegeisterter Juristen schaden: Wir sind sozusagen eingeengt zwischen drei Fronten: die kaum zu erfüllenden Markterwartungen anderer, nicht-juristischer Branchen (erstens), die zwischen Skepsis und technischer Naivität oszillierende Juristenschaft (zweitens) und die alte Garde der Rechtsinformatiker, die seit Anbeginn der Informatik die Regelautomation erforschen (drittens). In den letzten Jahren ist die Anzahl der juristischen Startups wieder gestiegen und langsam kommt Hoffnung auf, dass die Digitalisierung auch der juristischen Zunft bald bevorsteht aber noch immer müssen sich juristische Innovationen verschiedentlich rechtfertigen – Projekte wie Ask-Kelsen erweisen uns einen Bärendienst. Von dem About.me Gründer Freitas kommt der schöne Satz: Your reputation is more important than your paycheck, and your integrity is worth more than your career. Könnte auch von Kelsen stammen.