Das Buzzword Disruption, so treffend es auch in Einzelfällen sein mag, verkommt langsam zur Plattitüde – im juristischen Branchenumfeld ist es aber zumindest in Deutschland bisher noch nicht angekommen. Das ist in den USA anders. Vor dem Trend in Deutschland sollen ein paar klärende Worte erlaubt sein:

Eigentlich meint „Disruption“ eine starke Veränderung eines Absatzmarktes durch ein Produkt (oder eine Dienstleistung), die bisherige Produkte weitgehend verdrängt. Dabei kann das disruptive Produkt entweder einen Markt neu erschließen, den bisherige Produkte nicht erreichen können (new-market disruption) oder eine einfachere, günstigere oder bequemere Alternative zu bestehenden Produkten bieten. Der Flash-Speicher wird oft genannt, aber strenggenommen sind nach dieser Definition viele Technologien dispruptiv: Plastik zerstörte die Holz- und Weißblechproduktion, .mp3 und .mp4 die Datenträgerindustrie und Shared Economy Konzepte wiederum deren Vermarktungsplattformen. Vor allem in der Startup-Szene ist nicht erst seit TechCrunch Disrupt das Wort in aller Munde, in der Regel bezogen auf einen kleinen Bereich. Disruptiv meint dann nicht nur die Technologie im Sinne einer technologischen Innovation, sondern auch Funktionsweisen, Vertriebskonzpte, Marketingstrategien. Disruptiv ist, was verändert. Der Shared Economy Bereich, allen voran der Limousinenservice Uber bzw. Uber Pop sind nicht im engeren Sinne disruptiv, weder die verwendeten Techniken noch die Dienstleistung als solche. Allerdings bringt die Bündelung der einzelnen Dienstleistungskomponenten und die online-Indienststellung Branchen zum Wanken: Denn auch wenn Uber und Co. geringere Margen einbehalten als der einzelne Taxiunternehmen haben die zentralen Buchungsdienstleister die Convenience, Schnelligkeit und Transparenz auf Ihrer Seite und können in zersplitterten Dienstleistungsbereichen erheblich homogenisieren. In New York wird das Mietrecht an AirBnB angepasst und in Paris werfen Taxifahrer Steine auf Uber-Autos. Die Taxilobby hat geradezu Panik, obwohl die technischen Möglichkeiten für einen mit Uber vergleichbaren Service mit Mytaxi etc. eigentlich zur Verfügung stehen. Setzt sich Uber durch, werden die traditionellen Taxiunternehmen langsam Wettbewerbsmöglichkeiten einstellen.

Gibt es juristische disruptive Innovationen? Kann es so etwas wie ein juristisches Uber geben? In den USA sind in den vergangenen Jahren mehrere Startups aufgetaucht, die sich die juristische Disruption schnell auf die Fahnen geschrieben haben. Los ging es schon 2001 mit LegalZoom und ein paar Jahre später mit RocketLawyer. Beide boten und bieten (wie auch Janolaw und seit 2013 Smartlaw) Vertragsgeneratoren an, besonders daran ist eigentlich nur die Möglichkeit, als Laie in der juristischen Domäne zu wildern. Templatedatenbanken und Musterformularhandbücher sind bekannt, aber mit Smartlaw & Co. können Nutzer weitgehend ohne weitere juristische Hilfe Fragen beantworten und erhalten als Ergebnis ein individualisiertes Vertragsdokument als PDF. Beobachter in der juristischen Szene schrieben den Tools schnell revolutionäre Folgen zu: Unter dem Mantra „legal services as a commodity“ sollte die traditionelle im Anwalt-Mandantenverhältnis erbrachten Dienstleistungen zum skalierbar handelbaren, modular aufgeteilten Wirtschaftsgut werden. Das von Prof. Susskind häufig bemühte Schema der fünfstufigen Wandelung der traditionellen juristischen Dienstleistung hin zur echten „commodity“ sortiert den Prozess anschaulich. Erstens sind bisher aber – von den genannten Anwendungen abgesehen – Unternehmen rar, die tatsächlich „Rechtsberatungsprodukte“ anbieten und zweitens hat die commoditiy-Form der Dienstleistung nicht zwangsläufig disruptiv-innovative Wirkung. Ich will das etwas ausführen:

War die Rechtsprechungs- und Fachliteraturdatenbank BeckOnline bei Markteinführung innovativ? Sicherlich zu einem bestimmten Umfang: Mit der Onlineverfügbarkeit gab es auf einmal einen zeitlich, örtlich und sonstig unbegrenzten Zugriff auf Fachinformationen. Die Wege in Kanzlei- und Universitätsbibliothek wurden selten und der Handapparat schrumpft. Die Suchfunktion beschleunigte mit zunehmender Mächtigkeit die Suche und verbesserte die Güte. Gleiches lässt sich auf JURIS und andere Dienste übertragen. Sind Rechtsinformationssysteme (RIS) deshalb disruptiv? Für die juristische Branche eigentlich nicht: Obwohl die Arbeit verbessert, vereinfacht und beschleunigt wird, ändert sich der Markt juristischer Anbieter nicht. Vielmer kommt die Innovation sämtlichen Marktteilnehmern zu Gute. Der Einfluss der Suchtechniken auf die Produktivität der juristischen Nutzer und damit auf Gesamtkanzleiauslastung und somit mittelbar Personalbedarf oder Beratungshonorare ist fast zu vernachlässigen, denn wie mehrere Umfragen bei den Nutzern der RIS gezeigt haben, steigt mit den verbesserten Suchfunktionen die Qualität der Bearbeitung insgesamt, die zeitlichen Einsparungen halten sich aber in Grenzen. Fast könnte man sagen, mit der Massenverbreitung der RIS sei auch der branchenübliche Standard gestiegen. Für Juristen ist die Einführung der RIS keine disruptive Innovation, sondern sustaining Innovation, die sich in den bestehenden Markt integriert. Nur für die Verlagsbranche, genauer für die Print-Verlagsbranche können die Online-Datenbanken ernsthaftere Folgen haben, dabei kann aber von einer legal disruption nicht mehr die Rede sein.

Auch Smartlaw und Co. sind nicht im engeren Sinne disruptiv. Deren Angebot zielt nicht in erster Linie auf das Geschäft vormaliger Rechtsberater oder Justiziare, sondern auf einen Bereich, der ohnehin nicht als Markt erschlossen war. Wer früher aufwändig einen Vertrag selbst bastelte oder einen befreundeten Juristen um Rat fragte, lädt sich heute einen individualisierten Vertrag herunter. Der Gedanke wurde bereits vergangenes Jahr sehr ähnlich von Jordan Furlong in einem Blogbeitrag auf Law21 geäußert: Unter dem Titel „What disruption really means“ dekliniert er die Anforderungen an disruptive Innovationen an verschiedenen juristischen Anwendungen durch und kommt zu dem Ergebnis, dass nur wenige Projekte das Adjektiv verdienen, allen voran das New Yorker Unternehmen Neota Logic. Das von dem früheren Davis Polk & Wardwell-COO gegründete Startup bietet maßgeschneiderte Expertensysteme an, für Kanzleien oder Unternehmen und kann so immerhin in Einzelaspekten Rechtsrat automatisieren. In den USA gibt es noch weitere Anbieter, Neota Logic ist am sichtbarsten und auch wirtschaftlich erfolgreich. Mit Lexalgo versuchen wir uns auch für den deutschen bzw. kontinentaleuropäischen Markt an einer vergleichbaren Lösung, bisher soweit erkennbar als erste. Aber sind Lexalgo und Neota Logic im engeren Sinne disruptiv? Klar ist, die Software kann derzeit juristisches Arbeiten nicht ersetzen, sondern weiterhin nur unterstützen. Rechtsanwälte in Kanzleien und Unternehmen werden durch aufwändige Einzelanwendungen, z.B. mit einem Expertensystem zum Anwendungsbereich Internationaler Abkommen, nicht ersetzt. Allerdings wird ihre Arbeit erleichter, beschleunigt und verändert. Die semantische Komplexität juristischer Tätigkeiten schließt umfangreiche und mächtige Unterstützungen noch aus, so dass solche Expertensysteme als Einzelanwendungen nur bei sehr häufig und sehr ähnlich auftretenden Fragestellungen einen Mehrwert stiften kann. In den USA bringt die Art der juristischen Tätigkeiten mit starken Schwerpunkt auf investigative und organisatorische Teile mehrere klare Anwendungsbereiche. Aber auch bei starker Fokussierung und Spezialisierung auf einzelne Fachbereiche dürfte in Deutschland die Entwicklung in vielen Fällen nicht lohnen, jedenfalls nicht für den kanzleiinternen Eigengebrauch. Das bringt uns aber zu dem tatsächlichen Einsatzgebiet: Unternehmen haben häufig wiederkehrende und sehr ähnlich gelagerte Prüfungsaufgaben. Von produkt- und dienstleistungsbezogenen Kundenreklamationen bis zu internen Prüfungen wie Etikettierungspflichten oder Einfuhrbestimmungen. In diesen Fällen lohnen Entscheidungsunterstützungen, und sofern Kanzleien Unternehmen diese nicht zur Verfügung stellen, werden Unternehmen diese selbst oder von Dritten entwickeln lassen. Dieser gerade erst im Entstehen begriffene Markt wird durch die Dienste wie Neota Logic oder Lexalgo nicht zerstört, sondern erst geschaffen. Auf der anderen Seite werden Unternehmen ein erhebliches Einsparpotential aktivieren können. Muss bisher ein gesamtes Service-Center angelernt und beschäftigt werden, um jährliche Kundenanfragen in sechstelliger Höhe zu bearbeiten, kann eine intelligene Entscheidungsunterstützung diese Aufgabe rationalisieren. Nicht, indem sie diese komplett übernimmt, sondern in dem der Prozess aufgebrochen, in einzelne Bereiche zerlegt und organisiert verteilt wird: Das Fact-Finding, also der Daten-Input erfolgt duch die Nutzer selbst, die Sortierung übernimmt die Regelmaschine. Einen Teil der Fälle kann die Software selbst beantworten und über Schnittstellen zur Weiterbearbeitung verweisen. Andere Fälle werden gezielt an bestimmte Sachbearbeiter verwiesen, die fokussiert und spezialisiert beschleunigt fehlerfreier arbeiten. Eine schöne Vorstellung, deren Wirklichkeit zumindest in den USA eine Gruppe intelligenter Anbieter vorlebt. Wann diese Innovationen in Deutschland verbreitet werden ist unklar – ihre Folgen lassen sich aber vorhersagen: Nicht die juristische Branche wird „disrupted“, aber ein unternehmensinterner Tätigkeitsbereich im geringeren Lohnsegment.

Solange nicht die juristischen Dienstleistungen selbst, also die Rechtsberatung, in ihrem Wesen betroffen werden, gibt es keine richtige legal disruption. Das soll nicht heißen, dass dies nicht bald möglich sein kann. Online Dispute Resolution bietet etwa Potential für einige Disruption, ebenso die zunehmenden Möglichkeiten des Semantic Web. Mittelfristig wird die Rechtsberatungsbranche von Trends wie LPO (im oberen Preissegment) und zunehmendem Verbraucherservice der Unternehmen (im niedrigeren Preissegment) deutlich stärker „disrupted“.