Auf den ersten Blick klingt die Frage albern: Mit Forschung & Entwicklung assoziieren wir Labore und Teststrecken und kaum die Kanzleibibliothek. Forschung findet für Juristen irgendwo zwischen Lehrstuhl, Karlsruhe und Berlin statt. Die einzige (überaus selten) vorkommende Empirie besteht in Umfragen. Die testweise Entwicklung juristischer Lösungen kommt strenggenommen vor, allerdings in Form von vorsichtigem Testen im Arbeitsalltag, also in Klauseln, Strategien und Entscheidungen – mangels tatsächlicher Laborbedingungen (ich stelle mir gerade einen Miniatur-Zivilsenat vor – John Olivers Supreme-Court-Hunde  sind sicher die einzig denkbaren juristischen Tierversuche) findet trial and error dann als Vorlagebeschluss an den EuGH statt. Die wissenschaftliche Sonderstellung der Rechtswissenschaft äußert sich hier besonders anschaulich, denn als eine der wenigen Wissenschaften, die nicht im Mensch-Natur, sondern ausschließlich im Mensch-Mensch-Verhältnis stattfindet fehlt Jura das neutrale, objektive, quantifizierbare und nicht-beeinflussbare Gegenüber der Natur. Die Naturrechtsdiskussion und die Radbruch’sche Formel einmal ausgenommen. Die wenigen naturwissenschaftlichen Berührpunkte, etwa zur Hirnforschung, äußern sich kaum in juristischen Experimenten.

Trotzdem: Unternehmen, ja, ganze Branchen, forschen und entwickeln, auch wenn sie nicht originär naturwissenschaftlich tätig sind: Wirtschaftswissenschaftler entwickeln Modelle und Programme, Informatiker testen Funktionalitäten, selbst Literaturwissenschaftler messen Veränderungen. Natürlich gibt es eine aktive, rechtsfortbildende Wissenschaft, aber nur in den seltensten Fällen konkret auf die Indienststellung und letztlich Vermarktung der Rechtsdienstleistung bezogen. Aber auch im juristischen Bereich kann und sollte es Forschung und Entwicklung geben und es gibt mehrere Bereiche, in denen dies machbar und sinnvoll bzw. geradezu nötig erscheint:

Bereits der gesamte Bereich des Legal Tech kann und muss Gegenstand spezifisch juristischer Untersuchung sein. Mit Legal Tech meine ich nicht nur die Rechtsinformatik i.e.S. als Wissenschaftszweig, der die Modellierung oder allgemein den Einsatz juristischer Inhalte mit Hilfe informationstechnologischer Strukturen untersucht, sondern den gesamten Bereich der juristischen Technologien. Legal Tech wird zunehmend relevant und die Überlegungen zu Einsatzmöglichkeiten sind noch immer stiefmütterlich behandelter Exotenbereich. Den Umfang und Konsequenzen technologischer Anwendungen in der Rechtspraxis kann ich hier nicht ausführen, aber vom Kanzleimanagement mit E-Akte und EGVP über verbesserte Recherchetechniken und generell Arbeitserleichterungen bis zu tatsächlichen Experten- oder Entscheidungsunterstützungssystemen wird sich insbesondere die anwaltliche Tätigkeit stark verändern. Es sollte vermehrt in den Fokus rücken, welche Kanzleibereiche und welche Tätigkeiten jetzt oder in Kürze Technologieunterstützung erhalten könnten. Angesichts der mangelhaften oder nicht vorhandenen IT-Kenntnisse der Anwaltschaft gibt es viel nachzuholen. Es lohnt, Mittel für diese Untersuchungen bereitzustellen, auch im kleinen Rahmen und auch, wenn die ersten Schritte nur in Einarbeitung und Lernen bestehen. Den Kanzleien fehlt Schnittstellenwissen zwischen Recht und IT, also die Verbindung beider Bereiche in einer oder mehreren, eng kooperierenden Personen. Zuständige für IT werden ohne juristische Kenntnisse keine Vorschläge zu Anwendungen oder generell Verbesserungen machen können, umgekehrt können Juristen ohne grobes Verständnis von Informatik kaum ein Gefühl für Machbarkeit oder Umsetzbarkeit entwickeln.

Es fallen auch weitere, größere oder kleinere Bereiche ein, in denen juristische Forschung und Entwicklung sinnvoll wäre: Der gesamte Komplex der Akquise, also des „Vertriebs“ kann vertieft nach sinnvollen, effizienten und nachhaltigen Kanälen und Techniken untersucht werden. Von der besseren Suchmaschinenauffindbarkeit bis zu definierten Pitchunterlagen oder -präsentationen; juristisches Client Relationship Management und/oder Mandantenkommunikation. Das juristische Pricing und damit zusammenhängend die Vermarktung juristischer Dienstleistungen kann und muss zunehmend in den Fokus rücken, vor allem dort, wo jenseits des RVG abgerechnet wird.

Das Manko bezieht sich insbesondere auf traditionelle juristische Dienstleister – für die Rechtspflege umso bedenklicher ist die Tendenz von anderen Dienstleistungsunternehmen, zunehmend juristische Dienstleistungen einzubinden. Dies durchaus getrieben und untermauert durch ein umfangreiches R&D. Auch die (wenigen) Hybrid-Unternehmen, die vor allem dem Anwaltsmarkt Konkurrenz machen und im Common Law-Raum bereits zur ernsthaften Bedrohung geworden sind. Allen voran die Legal Process Outsourcing Unternehmen sind aktiv in diesem Bereich. Erst vergangene Woche hat der in Frankfurt ansässige LPO-Anbieter Xenion Legal die Einrichtung einer richtigen und eigenständigen Research & Development-Einheit in einem Beitrag in der LTO angekündigt. Untersucht werden sollen insbesondere Anwendungen aus dem Legal Tech Bereich, die auch die juristische Entscheidungsfindung unterstützen sollen.

In einem lesenwerten Blogpost beschreibt Jason Furlong das Problem aus Sicht der US-Anwälte: Während Unternehmen weltweit bis zu 3,5% des Jahresumsatzes in Forschung und Entwicklung reinvestieren, liegen für Juristen noch nicht einmal Zahlen zu F&E vor. Der weltweite Umsatz mit juristischen Dienstleistungen soll (je nach Quelle) zwischen USD 300 und 500 Mio. liegen, die Investoren und Risikokapitalgeberverbände verzeichnen aber nur eine weltweite Gesamtsumme von rd. USD 400 Mio., die in juristische oder quasi-juristische Unternehmen (häufig Startups und Spin-Offs) geflossen ist. Darin enthalten sind aber auch Finanzierungen an Unternehmen, die nicht im Kern juristische tätig sind und weitgehend verwandte Dienstleistungen erbringen. Das wären mehr oder weniger 1 %. Diese Zahl berücksichtigt aber ebenfalls nicht, dass diese Mittel nicht von den Kanzleien oder Juristischen Institutionen selbst, sondern von Konkurrenten und Investoren aufgebracht wurden und den Marktteilnehmern auch gar nicht unmittelbar zu Gute kommen. In Deutschland wird der Jahresumsatz juristischer Dienstleistungen 2014 knapp EUR 20 Mrd. betragen, davon werden auch nicht annähernd 1%, also EUR 200 Mio. in die Erforschung juristischer Technologien, Strategien etc. investiert. Nach meinem Eindruck gibt es Deutschland rund 10 aktive, juristische Startup-Unternehmen, mit einer kumulierten Kapitalaufbringung von EUR 5-7 Mio. Rechnen wir die jährlichen Kurzvorträge der wenigen Knowledge Management Lawyers in Großkanzleien und die Bemühungen der wenigen Legal-Tech Unternehmen dazu, wird dennoch kaum ein dreistelliger Millionenbetrag erreicht. Noch will sich die Anwaltschaft Forschung und Entwicklung nicht leisten, aber (Kalauer, pardon!) das kann sie sich eigentlich auch nicht leisten.